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Wettermail – Di 01.04. 09:13

(Quelle: www.wettermail.de

Gehen wir nun zurück ins Jahr 1859. Die drahtgebundene Übermittlung von Nachrichten, die Telegrafie ist seit 30 Jahren etabliert. Auf die ersten Funkübertragungen müssen wir noch fast 40 Jahre warten. Gut 80% der Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft, es gibt keinerlei Elektronik, keine Computer, keine allgemeine Stromversorgung. Was für ein Glück hatte die Menschheit, dass es diese Segnungen der modernen Technik damals alle noch nicht gab!

Vom 29. August bis zum 2. September 1859 ereignete sich etwas Sensationelles, das aber nur als kuriose Randnotiz in die Geschichtsschreibung einging. Die Erde wurde vom größten überlieferten Sonnensturm getroffen. Es gab bis in die Karibik Polarlichter, die so hell waren, dass man nachts die Zeitung lesen konnte. Menschen standen mitten in der Nacht auf, weil sie wegen der Helligkeit meinten, die Sonne wäre hinter einer Wolkendecke aufgegangen. In der Nähe von Boston befürchtete man zunächst, die Stadt würde in Flammen stehen, bis die Polarlichter dann ihre Farbe von Rot nach Grün änderten. Das Telegrafensystem funktionierte plötzlich ganz ohne Batterien, brach dann zusammen, die Operatoren erhielten an ihren Geräten elektrische Schläge, aus den Telegrafenmasten schlugen Funken und in den Stationen wurde herumliegendes Papier in Brand gesetzt.

Der englische Astronom Richard Carrington beobachtete am 1. September 1859 die Sonne. Natürlich tat er das nicht direkt, sondern durch Projektion auf eine Leinwand, andernfalls wäre das seine letzte Sonnenbeobachtung gewesen. Dabei fertigte er Zeichnungen an, die dunkle Flecken (Sonnenflecken) zeigen mit eingelagerten hellen Stellen, den sogenannten Solar Flares. Diese Stellen waren so hell, dass Carrington zunächst vermutete, durch ein Loch in der Leinwand würde von hinten Licht durchscheinen. Durch Carringtons Beobachtungen wurde damals der Zusammenhang zwischen den Aktivitäten auf der Sonne und den Polarlichtern und anderen elektromagnetischen Effekten auf der Erde entdeckt.
http://www.noaa.gov/features/02_monitoring/1859solarstorm.html

Dass nun nicht jedes Schulkind dieses 1859 aufgetretene, sogenannte Carrington-Ereignis kennt, hat zwei Gründe: 1859 konnte so ein Sonnensturm der menschlichen Zivilisation noch kaum etwas anhaben und glücklicherweise hat es seither keinen Sonnensturm dieser Größenordnung mehr gegeben.

Welche Auswirkungen hätte ein Sonnensturm wie der von 1859 heutzutage? Wieder stellen die langen elektrischen Leitungen das Problem dar, nur aber in einem viel größeren Maßstab als damals. Durch einen Sonnensturm (geladene Teilchen) wird nämlich das Erdmagnetfeld verbogen (Magnetsturm) und wabbelt hin und her. Dabei wirken unsere langen Hochspannungsleitungen wie riesige Antennen, die magnetischen Wechselfelder empfangen und wegen der großen Kabellängen werden gewaltige Spannungen ins Stromnetz induziert. Besonders betroffen sind dabei polnahe Gebiete (und damit auch Deutschland), weil sich dort wegen des Verlaufs der Feldlinien Verformungen des Magnetfeldes stärker auswirken. Die Leitungen selbst lässt das nun zwar kalt, schlecht ergeht es aber den Hochspannungstransformatoren, denn deren Windungen können zerschmelzen, die Knotenpunkte unserer Stromversorgung werden zerstört und ein Wiederaufbau würde wahrscheinlich ein Jahr in Anspruch nehmen. Nun stellt aber ein länger andauernder Stromausfall heutzutage für die menschliche Zivilisation das Desaster schlechthin dar, wie man der Technikfolgenabschätzung des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung vom 27. 04. 2011 entnehmen kann. Besonders erschreckend ist hierbei, dass als Folge eines Stromausfalls kaskadenartig auch andere, wichtige System zusammenbrechen, bei der Trinkwasserversorgung z.B. beginnt das schon nach wenigen Stunden:
http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/056/1705672.pdf

Unklar ist, ob und in welchem Maß Computerbausteine durch induzierte Spannungen beschädigt würden. Am anfälligsten wären natürlich Satelliten, aber es könnte durchaus auch Autos, Computer, Smartphones, Fernseher, Küchengeräte, Waschmaschinen usw. treffen, unser ganze Leben hängt ja inzwischen von diesen hochintegrierten Bausteinen ab. Ein Alarmzeichen für die Anfälligkeit ist hier die Tatsache, dass schon jetzt die Ausschussraten der Chipproduktion bei stärkerem Sonnenwind deutlich erhöht sind.

Nach groben Schätzungen kommt ein solches Carrington-Ereignis im Schnitt alle 500 Jahren vor, es ist damit also weit wahrscheinlicher als der Einschlag eines großen Meteoriten. Es kann Schäden in einem solch globalen Ausmaß anrichten wie kein normales irdisches Wetterphänomen. Ein schwerer Sonnensturm stellt also unzweifelhaft die Bedrohung Nummer 1 für die Menschheit dar. Da gibt es für mich eigentlich nur eine Konsequenz: So interessant das normale Wetter hier auf der Erde sein mag, seine Bedeutung für unsere Zivilisation ist aber doch verglichen mit der des Weltraumwetters nur gering. Es mag vielleicht dem einen oder anderen etwas drastisch erscheinen, aber es gibt eine nachhaltige Neuausrichtung der Wettermail. Weg vom normalen, irdischen Wetter, hin zum Weltraumwetter. Ich denke, hier kann man auch ein Zeichen setzen: Wo wollen wir Menschen hin mit unserer Zivilisation, was ist uns wichtig, was wollen wir den nächsten Generationen hinterlassen außer geplünderten Erdölvorkommen und verschmorten Transformatoren?

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